TALTANIS
Eine wahrhaft nutzbringende Schilderung über die neuentdeckten Lande des geheimnisollen Erdteils Taltanis
verfaßt zur Belehrung und Warung der Reisenden - nicht minder erstaunlich als kurzweilig zu lesen
und jetzt zum ersten Male aufs Sorgfältigste herausgegeben.

Auf den Straßen des Reiches

»Nichts hält ein Reich mehr zusammen, als die Güte seiner Straßen. Auf ihnen reisen in Zeiten von Krieg und Aufruhr meine Legionen, im Frieden Waren, Nachrichten und Ideen. Meine Gefährtinnen erwähle ich für einige Stunden. Meine Senatoren küre ich für ein paar Jahre. Meine Straßen aber baue ich für die Ewigkeit.«

Kaiser Variaan I., 104.-161. Jahr Anastrinischer Zählung.

Das Anastrinische Reich ist eines der größten und mächtigsten Staatsgebilde auf Taltanis. Und mag auch viel von seinem Glanz, seiner Kultur heute, in der 16. Centurie seines Bestehens, Dekadenz und Zerfall gewichen sein, so herrscht innerhalb seiner befriedeten Grenzen noch immer ein reger Verkehr von Reisenden unterschiedlichster Stände und Volksgruppen. Die folgenden Schilderungen einiger typischer Reisegesellschaften mögen einem Spielleiter helfen, hier oder anderswo stimmige Begegnungen zwischen Reisenden auf offener Straße zu inszenieren.

Militär
Die ersten Kaiser des Imperium erkannten klug, daß geplasterte Straßen das Marschtempo von soldaten erhöhten und so die Präsenz der eigenen Legionen selbt in den entlegensten Provinzen gewährleisteten. Und mag auch der Zustand der Wege heute vielerorts beklagenswert und jämmerlich sein, so sind doch noch immer Soldaten auf ihnen unterwegs.
Wer immer auf seinen Reisen auf den Troß eines Quatiermachers trifft, erkennt aus der Ferne nur an der, dem Wagenzug vorangetragenden Legionsstandarte, daß sich ihm eine militärische Einheit nähert. Neben den Wagenlenkern und dem Standartenträger wird dieser Zug noch von einer Handvoll Soldaten für die niedrigen Arbeiten begleitet. Aufgabe eines solchen Trupps ist es, einer militärischen Einheit vorauszueilen und für diese ein Nachtquatier zu organisieren, Zelte für die Offiziere aufzuschlagen und in der Umgebung Proviant zu requirieren. Obwohl trotz ihrer Geschäftigkeit und Professionalität keinesfalls angsteinflößend, sind Quartiermacher bei den Einheimischen als Vorboten einer hungrigen Soldatenhorde, die sich an den eigenen Vorräten laben und den jungen Mädchen nachsteigen, wenig beliebt.

Eine berittene Militärpatrouille ist im Anastrinischen Reich mit seiner starken Infantrie eher selten und man trifft sie nur in der Nähe von Garnisionen oder als Kundschafter einer marschierenden Legion im Feindesland. Eine durchschnittliche Patrouille besteht aus einem Offizier und fünf Kavalleristen. Nicht gerade für iher Höflichket, wohl aber für ihre Neugier bekannt, haben derartige Spähtrupps das Recht, Reisende nach »Woher« udn »Wohin« zu befragen und ihr Gepäck zu durchsuchen.
Eine marschierende Armee mit ihren uniformierten Fußsoldaten in Vierer-Reihen, den vorangetragenden Ehrenzeichen von Kaiser, Legion und Kohorten und den berittenen Eliteeinheiten und Kommandeuren hat für das Herz eines jeden echten Anastrinen etwas Erhebendes. Die der Truppe folgenden Marketänderinnen und Dirnen, die von ihren Planwagen aus Reisenden frivole angebote zurufen und ihnen freizügige Einblicke in ihre Anatomie gewähren, machen dieses stolze Bild allerdings wieder zunichte.
Als Armee des Kaisers hat eine Legion alle Vorrechte der Straßennutzung, so daß selbst die Wagen und Karren einflußreicher Kaufleute den Weg räumen müssen. Ein gewisses Bestechungsgeld kann aber so manchen Kommandeur so milde stimmen, daß er auf seine Rechte verzichtet und seine Truppe durch den Schlamm waten läßt. Unglücklicherweise schließt die Abmachung mit dem militärischen Befehlshaber das Verhalten der Marketränderinnen nicht mit ein. Diese denken nicht daran, anderen Reisenden Platz zu machen, und einem Wortgefecht mit diesen »Damen« sind nur die wenigsten Abenteurer gewachsen.

Beamte
des Reiches

Ein derart großes Staatsgebiet wie das des Anastrinsichen Reiches bedarf einer straffen Verwaltung, selbst an den entferntesten Orten des Reiches. Oder sollte man besser sagen »bedürfte«? In den Städten ist die Effektivität des Beamtenapparates längst von Korruption untergraben worden. Für die ehrbaren Männer dieses Standes blieben meist nur die unattraktiven Posten im Reisedienst oder in der Provinz.

Der Wagen eines Steuereintreibers ist schwerer bewacht als manch ein Würdenträger des Imperiums. Bis zu 75 Berittene schützen das Gold des Reiches und den Mann, der es einzieht. Da niemand gerne Steuern zahlt, ist das Amt des Steuereintreibers das wohl bestgehaßte im ganzen Land, und die Zahl der tätlichen Übergriffe gegen diese Beamten ist Legion. In diesem »Geschäft« kann sich nur der behaupten, der über einen unbeugsamen Willen verfügt und bereit ist, bereits die kleinste Unbotmäßigkeit mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu ahnden. Daß ein Steuereintreiber die Abgaben zu hoch ansetzt, um den so erwirtschafteten Überschuß in die eigene Tasche zu stecken, gilt im übrigen als sein allgemein akzeptiertes Gewohnheitsrecht.

Die Verfolgung flüchtiger Verbrecher obliegt den Prosekutoren, berittenen, schwer gerüsteten Kriegern im Dienste der großen Reichsgerichtshöfe. Ehemals nur als öffentliche Ankläger eingesetzt, stellen Prosekutoren seit der 11. Centurie eine Art Polizeitruppe für den Überlandeinsatz dar. Eine Gruppe dieser Männer besteht aus einem Anführer, dem Hohen Prosekutor, und seiner Garde aus 5-10 Bewaffneten, meist Veteranen der Anastrinischen Armee. Es gehört zu den Rechten dieser Gesetzeshüter, Verdächtige festzusetzen, Verhöre durchzuführen und (in größerer Anzahl) gegen Banditen und Straßenräuber vorzugehen. Kein Bürger des Reiches darf einem Prosekutor Auskunft und - gegebenenfalls - Hilfe verweigern.

Noch gefürchteter als die Prosekutoren sind die Kutschen der reisenden Inquisitoren, in denen Richter, Henker, Gerichtsschreiber und Folterknechte zum Zwecke der Rechtspflege die Provinzen bereisen. Verbrecher, die in ländlichen Gegenden ohne eigene Gerichtshöfe gefaßt werden, werden diesen reisenden Gerichten vorgeführt. Es ist ein Zeichen zunehmenden Sittenverfalls, daß nicht nur Hinrichtungen oder Verstümmlungen sondern auch bereits die »peinlichen Befragungen« mehr und mehr öffentlich abgehalten werden. Das einfache Volk empfindet eine fast abergläubische Scheu vor den (für gewöhnlich höchst arroganten) Inquisitoren und würde es nie wagen, diese anzugreifen oder sonst in ihrer Arbeit zu behindern. Da das Gehalt der Inquisitoren nach den durchgeführten Verurteilungen bemessen wird, ist das Wirken dieser reisenden Gerichte meist ausgesprochen grausam und endgültig.

Berittene Boten stehen häufig im Dienst von Privatleuten oder dem Militär, denn die imperiale Verwaltung setzt diese zwar rasche doch auch sehr kostspielige Form der Nachrichtenübermittlung selten ein. Für Reisende ist ein Treffen mit solchen Boten allerdings auch wenig interessant, da diese kaum die Zeit für ein Schwätzchen haben dürften. Anders ist das bei den einfachen Schreibern (mitunter ist auch einmal ein Amtmann darunter), die die langsam mahlenden Mühlen des kaiserlichen Beamtenapparates auf Schusters Rappen durch die Lande ziehen lassen. Die jüngeren dieser zivilen Boten, die Edikte des Kaisers, Steuerlisten, Befehle zum Ausheben von Truppen u.ä. von Stadt zu Stadt bringen, träumen noch von einer glanzvollen Karriere im Dienst für das Reich. Die älteren haben demgegenüber längst desillusioniert eisehen müssen, daß sie ohne Schmiergelder und einflußreiche Freunde wohl niemals eine wichtige Position bekleiden werden.

Klerus
Als ein Vielvölkerstaat ist das Anastrinsiche Reich die Heimat vieler Religionen, und erst in jüngster Zeit sind einige recht zweifelhafte Kulte hinzugekommen. Folglich findet der Reisende auch zahlreiche Kleriker auf den Straßen des Reiches.
Ein kirchlicher Würdenträger mit Gefolge bietet in kostbarer Soutane auf dem Rücken eines prachtvollen Rosses (oder - im Falle von Priesterinnen - in reich geschmückter Sänfte) mit einer ganzen Anzahl von Bewaffneten und frommen Mönchen als Geleit ein durchaus erhabendes Bild. Auf Reisen weniger abgeschirmt und annahbar als sonst in den palastartigen Tempeln ihrer Heiligtümer, sind diese hochgestellten Persönlichkeiten hier durchaus auch für normale Sterbliche ansprechbar - wenn diese ihnen gebührenden Respekt bezeugen.

Pilgerzüge sieht man heutzutage selten im Reich, denn wenn die Zahl der Götter auch zunahm, die nötige Ehrfurcht vor den Unsterblichen nahm ab. In der gegenwärtigen Centurie finden sich unter den Pilgern nunmehr zwei Extreme: fanatische Eiferer mit bloßen Füßen und härenem Gewand, die durchaus schon einmal gegen andere Reisende tätliche werden können, wenn sie diese für Gotteslästerer halten und - auf der anderen Seite - als Pilgerfahrten getarnte Vergnügungsfahrten der Reichen, die ehr in Bacchanalien denn in frommen Riten enden.

Die Extremform religiösen Fanatismus stellen die Flagellanten dar. Immer wieder flackert dieser Wahn sporadisch auf und Menschen verlassen von einem Moment auf den andern Heim und Familie, um - sich selbst für ihre und der Welt Sünden kasteiend - durch die Lande zu ziehen. Beobachter von Flagellantengruppen geraten oft wie unter den Einfluß einer Massenhysterie und schließen sich den sich die Haut zerpeitschenden Büßern an.

Reisende
Berufsgruppen

Die Karawanen der Fernkaufleute - ein Dutzend schwer bepackter, von Pferden gezogene Wagen und zwei Dutzend berittene Söldner als Geleitschutz - sind die größten Ansammlungen rein kommerzieller Reisetätigkeit. Aber auch kleinere Händler, Trödler und Krämer mit nur einem Wagen oder ein paar Packtieren sind aus geschäftlichen Gründen unterwegs. Doch nicht alle Geschäftsleute handeln mit gewöhnlicher Ware. Sklaven sind das wirtschaftliche Rückgrat des Anastrinischen Reiches, und Trupps von 20 - 50 angeketteten Menschen, bewacht von 5 - 10 brutalen Aufsehern zu Pferde sind ebenfalls kein seltener Anblick auf den Straßen des Imperiums.

Trifft ein Reisender auf seinem Weg seine Gruppe halbnackter, außerordentlich kräftiger Männer, ist er sicher auf eine Gladiatorenschule gestoßen, die sich auf dem Weg zu den »Spielen« in der Arena der nächstgrößeren Stadt befindet. Der Leiter einer solchen »Schule« (meist der einzige Berittene des Trupps) ist der Besitzer der zumeist in Sklaverei gehaltenen Kämpfer. Erfolgreiche Gladiatoren verdienen jedoch oft soviel Geld, daß sie sich freikaufen und zusätzliche selber Sklaven erwerben können, welche sie dann in Sänften der Gruppe hinterher tragen. Begegnet ein geschäftstüchtiger Leiter einer Gladiatorenschule auf seinem Weg »vielversprechendem Menschenmaterial« kann es durchaus vorkommen, daß er und seine Kämpfer einen Abenteurer zu »überreden« versuchen.

Handwerksgesellen auf der Walz sind meist an der Tracht ihres Berufstandes zu erkennen. Als bessere Habenichtse reisen sie zu Fuß, meist in Gruppen zu dritt oder viert, ihr Bündel geschultert und ein Wanderlied auf den Lippen. Leider in der alten Sakralsprache der Rulaaren (und noch dazu recht zotigen Inhalts) deuten dahingegen auf wandernde Scholaren. Diese Schüler und Studiosi reisen meist im Dutzend, und ihr Alter reicht von 10 bis 25. Viele dieser Kinder sind Waisen, alle sind arm und die Wenigsten sind ehrlich.

Arm und demzufolge mit einem ehr lockeren Verhältnis zu Eigentumsdelikten ausgestattet, sind auch Bettlerzüge. Diese wandern allerdings stets nur kurze Strecken überland und auch nur, wenn ein örtlicher Jahrmarkt o.ä. gute Einnahmen verspricht.

Noch bedauernswerter als sie Bettler sind die Sträflinge, die Kohle aus den Braunkohlegruben von Parsium zu den Bergwerken der Krone und den Minen der Zwerge transportieren. Um eine Flucht der Gefangenen zu verhindern, hat man diese als Ersatz für Zugtiere vor die schweren, offenen Wagen gekettet. Trotz dieser Knechtung und trotz scharfer Bewachung sind die Sträflinge ständig zum Aufruhr bereit, denn die Verbüßung ihrer regulären Strafe in den Gruben überstehen nur die Wenigsten.

Und wer ist sonst noch unterwegs auf den großen Straßen der Reiches? Quacksalber mit ihren Wagen voller falscher Wunder, adlige Jagdgesellschaften, Fuhrleute, Wanderarbeiter und - natürlich - unzählige Bauern und Arbeitssklaven, die Fleisch und Gemüse auf die Märkte der großen Städte karren. Und neben all diesen Ständen und Berufsgruppen, all jenen Kindern des Reiches, die gemeinsam mit dem zerfallenden Imperium einer Zeit der Dunkelheit entgegentreiben, gibt es noch eine weitere Gruppe von beständig Reisenden. In ihren gläsernen Wagen fahren seit Jahrhunderten die Tzai, das Volk der Gaukler und Schausteller, von Ort zu Ort, von Jahrmarkt zu Jahrmarkt, um die Menschen zu erfreuen. Ihrer Heimat verlustig, sind sie ein ganzes Land auf steter Wanderschaft, und ihre Reise wird andauern, solange es Straßen - und Menschen - gibt.

Steffen Schütte


Dieser Artikel wurde ursprünglich in der ZauberZeit Nr. 30 von August 1991 veröffentlich.