TALTANIS
Eine wahrhaft nutzbringende Schilderung über die neuentdeckten Lande des geheimnisollen Erdteils Taltanis
verfaßt zur Belehrung und Warung der Reisenden - nicht minder erstaunlich als kurzweilig zu lesen
und jetzt zum ersten Male aufs Sorgfältigste herausgegeben.

Von Elfen und Zwergen

»Sie beten nicht - und darum sind sie keine Menschen. Und dies trifft auf beide Gruppen zu. Obwohl Elfen und Zwerge in der Vergangenheit blutige Kriege widereinander fochten, obwohl die Zwerge klein sind und stämmig und die Elfen hochgewachsen und schlank, und obwohl bei den Zwergen die Mannsbilder regieren und bei den Elfen die Weiber, o gleichen sich doch beide Völker in einem Punkt. Weder Elfen noch Zwerge haben eine Vorstellung davon, woher die kommen, noch davon, wohin sie einmal gehen werden, ja, sie verstünden nicht einmal eine diesbezügliche Frage. Die Welt ist ihnen ewig. Da es schon immer Berge gab, hat es auch schon immer Zwerge gegeben und wo immer (IMMER!) Wälder waren, fand man Elfen, und man wird sie finden bis in alle Ewigkeit. Denn Stein und Erz und Wald und Tier sind unvergängliche Dinge. Frage man einen Elfen, was mit ihm nach seinem Tode geschehen wird, und er wird dir antworten: »Ich kehre zurück in die Natur, aus der ich gekommen bin.« So halten sie ihre Völker zwar für unvergänglich, glauben aber nicht, daß sie als Individuen so etwas wie eine unsterbliche Seele besitzen. Eine jegliche menschliche Lultur, und mag sie noch so heidnisch sein und primitiv, kennt den Glauben an einen Erschaffer und Ursprung aller Dinge und an ein Weiterleben nach dem Tode. Nicht so Elfen und Zwerge! Diese Völker kennen keine Schöpfungsmythen, keine Götter und keine Religionen. Sie haben Tabus und eine große Ehrfurcht vor den Gaben der Natur, seien es nun belebte oder unbelebte Dinge, doch sie verstehen nicht die Bedeutung des Wortes »heilig«. Sowohl Elfen als auch Zwerge haben Traditionen und eine jahrtausendealte Kultur, aber sie haben keine Geschichte. Sie gehören so sehr in diese Welt, daß sie sich keine Tranzendenz vorstellen können.
Deshalb beten sie nicht - und deshalb sind sie keine Menschen.«

Von den Elfen und Zwergen und ob diese Seelen haben; Almara von Nimrau,
11. Äbtissin des Klosters der Gerechten Götter bei Iapurin, 605. Jahr der Anastrinischen Zählung


Die Geschichte der Elfen und Zwerge ist eine der ältesten von ganz Taltanis und zugleich eine, die am tiefsten im Dunkel der Vergangenheit verborgen liegt. Denn beide Völker kennen keine historischen aufzeichnungen im herkömmlichen Sinne, und was sie ihren Nachfahren überliefern, ist ein Sammelsorium an eindrücken, keine Geschichtsschreibung. Nominell sind sowohl das Reich der Elfenkönigin Thalaya, der Wald von astraava, als auch des Gni´uruiz-Massiv, in dem der Zwergenkönig Barkuun mit dem Rat der Zwölf residiert, Teile des Anastrinischen Reiches. Aber diese Betrachtungsweise allein wäre eine grobe Vereinfachung; - genau so, wie es eine grobe Vereinfachung wäre, elfen oder Zwerge einfach nur als eine Art besonders schöner respektive kleinwüchsiger Menschen zu betrachten. an beiden Völkern ist mehr Fremdes, als der gemeine Mann sich vorstellen kann.


Der Elfenwald
Ein wald ist ein Wald ist ein Wald. Und der wald von Astraava ist mehr als nur ein normaler Forst; denn er bedeckt eine gößere Fläche als jedes andere zusammenhängende Waldgebiet in den gemäßigten Breiten von Taltanis. Somit ist es kein Wunder, daß sich das letzte große Elfenreich des Kontinents in diesem Wald befindet, besser noch: dieser Wald ist. Von ihren kunstvoll emaillierten metallenen Booten auf dem See von Eldrion aus herrschen die Elfinnen des großen Waldes über ein Gebiet, das, zumindest nominell, eine Provimz des anastrinischen Reiches darstellt. Doch dieser Anspruch hat die Königinnen auf dem Eldrion-See nie sonderlich angefochten, ja, eine lange Reihe von Herrscherinnen (deren gegenwärtige unter dem Namen Thalaya III. regiert) pflegte sogar ausgesprochen gute Beziehungen zur großen Militärmacht des nordöstlichen Taltanis. Elfenköniginnen verlangt es nicht nach der Herrschaft über einen so abstrakten (und »typisch menschlichen«) Begriff wie »Territorium«; in wessen Adern immer elfisches Blut fließt, der gehört zum »qerendii«, dem »Volke«, und wo immer eine Eiche steht, ist »astraavan« - elfisches Land. Auf dem Felsen von Baath nördlich des Bewohnten Sees ist der Standort einer jeden Eiche eingemeißelt. Möglich, daß das »qerendii« früher einmal zahlreicher, die Eichen weiter verbreitet waren als heute, doch das sind Fragen, die jenseits des elfischen Interesse liegen, denn wie alle Dinge der Natur leben die Elfinnen von Astraava in einem beständigen großen »Jetzt« ohne allzuviel Verständnis für die Belange von Vergangenheit und Zukunft.
Natürlich gibt es neben den Eichen noch weitaus mehr Baumarten im Wald von astraava (wenn auch nur über diese genau Buch geführt wird), und die vorherrschenden Bäume in einer Region dienen elfischen Jagdtrupps nicht nur zur Orientierung, sie verraten einer Elfin auch viel über den Charakter eines Gebietes.
Zwishcen dem Lebensraum der Menschen und dem tiefen Wald liegen eine Reihe verwunschener Ort, Ulmenhaine oder auch Erlenbruch, wo dunkle Kräfte walten und Schwämme und Pilze ihren oft verderblichen Einfluß entfalten. Die Elfinen wissen, daß ein Wald wie jedes natürliche Ding Gut und Böse enthalten muß doch sie vermögen es zu arrangieren, daß die bösen Orte mit ihrem morastigen Grund und Farngründen über tiefen Höhlungen sich vornehmlich am Rand ihres Herrschaftsgebietes befinden. Die »guten Orts« hingegen, an denen Eichen, Eschen und Weißdorn wachsen und die von Raubtieren wie Silberwölfen und den gewaltigen Rotaugenbären gemieden werden, liegen meist sehr nahe der wenigen verstreuten elfischen Siedlungen, die es jenseits des Zentrums elfischen Lebens, dem Bewohnten See von Eldiron noch gibt und die zumeist aus ausgehöhlten und mit Schnitzwerk verziehrten Bäumen bestehen. Neben solch klar charakterisierten Stellen innerhalb der allenthalb zu findenden Buchen existieren noch andere, indifferentere Lichtungen, die häufig eine alte Begräbnisstätte säumen und die von Elfinnen geschätzt werden, weil sich aus Eibenholz die besten Langbögen fertigen lassen.

Seit ewigen Zeiten stellen die Frauen bei den Elfen das »starke Geschlecht« dar. Frauen sind es, die sich um die Belange von Politik, Kriegswesen und Jagd kümmern, sie erlernen Berufe und das Erbrecht folgt in ihrer Gesellschaft immer der mütterlichen Linie. Männer stehen, neben der Erledigung häuslicher Pflichten, lediglich künstlerische Berufe wie die eines Barden oder Zauberers offen. Die rigorose »Arbeitsteilung« zwischen den Geschlechtern hat dazu geführt, daß sich elfinnen ihren männlichen Artgenossen gegenüber sowohl eine »galante« Attitüde als auch einen Beschützerinsinkt entwickelt haben - Verhaltensformen, die Elfinnen oft automatisch auf die männlichen Vertreter anderer Spezies ausweiten. Im Falle einer Katastrophe würde eine Elfin stets darauf bestehen, zuerst Männer und Kinder zu retten. Sollte eine Elfin Gefallen an einem männlichen Wesen finden, macht sie dies mitunter auf recht drastische Weise klar. Und in punkto einschlägigen Vokabulars stehen erwachsene Elfinnen einem fluchenden Seemann in nichts nach.
Ihrem Wunsch nach dem Leben in einem sozialen Gemeinwesen kommen die Astraava-Elfinnen am Bewohnten See nach. Hunderte von Familien, fast 85% der Gesamtbevölkerung, leben dort auf aus Metallblech getriebenen, filigranen Booten, die geschickte Handwerkerinnen mit prachtvollen Emaillearbeiten verzierten. Da der Wald reich an Wild und natürlichen Früchten ist und die Seen und Küstengewässer von Fischen überquellen, muß nur ein geringer Teil der elfischen Arbeitskraft zur Beschaffung von Nahrung aufgewandt werden. Natürlich verlangt die Bewachung des Waldes gegen Übergriffe seitens der Menschen oder gar der wenig beliebten zwergischen »Nachbarn« einige Mühe. Es heißt, ein Wanderer in Astraava sei zwar (der geringen Siedlungsdichte wegen) meistens allein - aber niemals unbewacht. Daneben gelten die Elfinnen als geschickt in allen Formen des Kunsthandwerks. Aber auch hier ist die Produktion lediglich vom augenblicklichen Bedarf bestimmt, und so wäre es möglich, daß eine Schmiedin nur ein einziges Schwert im Jahr erschafft, und auch nur, wenn die Notwendigkeit für solch eine Arbeit besteht.
Elfen ist ein jedes Gefühl für Religion fremd, sie leben nahezu ausschließlich im Diesseits, der Lebensgenuß bei höchstmöglicher Wahrung der Freihiet anderer Kreaturen ist ihnen Lebensmaxime. Gesang, Tanz und die körperliche Liebe sind bei den Elfen (beider Geschlechter) hochentwickelte Künste, und deren Ausübung nimmt nicht nur einen großen Teil ihres Lebens ein, sie entspricht auch am ehesten dem, was man bei Menschen als »religiöse Betätigung« nennen könnte. Andere Völker mögen diese Lebensweise als »frivol« verdammen, die Elfen bezeichnen sie als »nur natürlich«.

Genauso wie an Religion mangelt es den Elfen von Astraava an einer Historie. aus menschlicher Sicht muß es einmal eine Zeit gegeben haben, in der Elfen und Zwerge die einzigen höher entwickelten Lebewesen der Welt gewesen sind und die Auseinandersetzungen zwischen diesen Völkern, die stets auch eine Konfrontation von weiblichen und männlichem Prinzip gewesen sind, sollten einen breiten Raum in der Geschichte der Elfen einnehmen, ebenso die Kriege mit den damals noch weitverbreiteten Orkhorden oder das Auftauchen der ersten Menschen. Aber die Elfinnen, verwurzelt in der Natur und im »Hier und Jetzt« messen die Zeit nicht nach Jahren, noch verfügen sie über so etwas wie eine kontinuierliche Geschichtsschreibung. allerding besitzen sie die Gabe der Erinnerung. Ein jeder Elf trägt in sich eine Art von »Rassengedächtnis«, in das sich alle wichtigen Erlebnisse des »Volkes« eingeprägt haben, und vor allem Gruppen schwangerer Elfinnen kurz vor der Niederkunft haben die Fähigkeit, diese arteigenen Erinnerungen in einer kollektiven Trance anzuzapfen.
Da die Kontrolle der Elfinnen über ihren Körper soweit geht, daß sie willentlich darüber entscheiden können, ob sie durch die körperliche Liebe zu einem männlichen Wesen ein Kind empfangen oder nicht, sind Fälle bekannt, wo sich Gruppen von Frauen allein deshalb zur Mutterschaft entschlossen haben, um das kollektive elfischen Unterbewußtsein befragen zu können. Auf diese Art und Weise erinnern sich die Elfen aller wichtigen Ereignissse wie dem Kampf ihrer Kriegerinnen an der Seite der Anastrinischen Legionen und sogar der Zwerge gegen ein großes Heer der Orks, oder der Auswanderung eines Teils des »Volkes« nach Shorm, als die Thronfolge auf Eldiron auf zwei miteinander zerstrittene Zwillingsschwestern fiel. Was die Elfinnen aber nicht erinnern, ist die Reihenfolge dieser Ereignisse oder gar deren exakte Daten. Und ob eine Gruppe werdener Mütter je so tief in das Rassengedächtnis eintauchen, um herauszufinden, wo der Anfang der »qerendii« liegt, ist ebenfalls unwahrscheinlich.


Das Reich
der Zwerge

Mitten in den ansonsten ebenen Regionen des Anastrinischen Reiches, nur durch einen schmalen Streifen gerodeten Landes vom großen Walde getrennt, erheben sich die sieben Hauptgipfel des Gni´uriz-Massivs. Aus dem Herzen der Welt emporragend, sind die Zinnen des Gni´uriz ein Sinnbild von Wehrhaftigkeit und Dauer. Und wehrhaft und beständig sind auch die charakteristischen Eigenschaften des dort lebenden Volkes - der Zwerge des Nordens. Vertraten die Elfen im Bauplan der Welt die Konzepte »Wasser« und »Luft«, so ist den Gni´uriz-Zwergen die Herrschaft über die Elemente »Erde« und »Feuer« zu eigen.
Genau wie die ewigen Berge so ist auch das Reich der Zwerge ein Synonym für Unvergänglichkeit. Als vor nunmehr schon über 1.400 Jahren die ersten Gesandten des Anastrinischen Hofes vor dem Rat des damaligen Zwergenkönigs Jurin vorstellig wurden und den Monarchen fragten, wie lange dessen Reich und Volk schon existierten, erhielten sie als Antwort allein die Auskunft »Schon immer!« Und das war ein »Immer« das keinen Gedanken an ein »Vorher« oder »Nachher« duldete.
Das Reich der Zwerge von Gni´uriz ist mit Sicherheit das konserativste Gemeinwesen auf ganz Taltanis. Keine Arbeit wird in Angriff genommen, kein Fest gefeiert und keine Beratung abgehalten, ohne daß die entsprechende Prozedur nicht durch uralte Tratitionen und Überlieferungen bis ins kleinste reglementiert würde. Tatsächlich kommt das Wort »neu« in der Sprache der zwergischen Epen nicht vor, ebensowenig wie das Wort »alt«. Es gibt nur einen »richtigen« Weg, eine Sache anzugehen und unzählige »falsche«, und die richtige Weise des Vorgehens ist immer die, nach der »schon immer« verfahren wurde. Dieser extreme Konservatismus hat immer wieder dazu geführt, das junge, rebellische Zwerge für einige Jahrhunderte aus Gni´uriz verbannt werden mußten, denn nicht allen erschien die Tradition die einzig richtige Richtschnur für ihr Handeln.
Die dramatischte dieser Verbannungen betraf sogar ein ganzes Zwergengeschlecht, das Haus Nodir, dessen Oberhaupt Garuun gegen den Beschluß der Hüter der Überlieferung die Ehe mit einer Zwergin aus seiner Sippe schloß udn vollzog und daraufhin vor ungefähr 12 Jahrhunderten gezwungen wurde, nach Shorm auszuwandern. Doch selbst dieser schmerzliche Aderlaß konnte das Grs der Zwerge nicht dazu bewegen, auch nur einen Fußbreit vom überlieferten Weg abzuweichen und so wurde der Name des 13. Hauses der Zwerge aus allen Liedern und Epen getilgt und durfte fürderhin nicht mehr genannt werden.
Doch nicht nur die Dinge des alltäglichen Lebens, auch die Herrschaft über das Gemeinwesen folgt alten Überlieferungen. Der König der Zwerge, zur Zeit Barkuun XXII., Sohn der Ribrann, hat außer in Zeiten des Krieges keine direkte politische Entscheidungsgewalt, vielmehr präsidiert er über den »Rat der Zwölf«, die Versammlung der Sippenoberhäupter der 12 Zwergengeschlechter, und hat sansonsten ehr protokollarische Pflichten wahrzunehmen. Es ist der große Rat, der über die Erschließung neuer Gesteinsschichten beschließt, die Verteidigung des Gni´uriz-Massivs organisiert und die Beziehungen zu anderen Staaten pflegt. Insbesondere dem Anastrinischen Reich ist das Zwergenreich nach einer gemeinsamen Schlacht mit den damals noch zahllosen, marodierenden Orkhorden von vierzehnhundert Jahren nicht nur freundschaftlich verbunden, es ist auch außenpolitisch vollkommen vom Willen des Kaiserhofes in Quarnizaar abhängig. Tatsächlich verzeichnen die Anastrinen Gni´uriz auf ihren Reichskarten lediglich als teilautonome Provinz.
Zentrum zwergischen Lebens ist der »Hohle Berg«, der höchste Gipfel des Bergstockes, den die Zwerge in jahrtausendelanger Arbeit fast vollständig ausgehöhlt und bewohnbar gemacht haben. abgesehen von dieser unterirdischen Metropole gibt es nur noch wenige kleinere Ansiedlungen wie größere Gehöfte in den unzugänglichen Bergtälern, Grenztürme (vor allem am Rande des großen Waldes) sowie Handelsposten für den regen Umschlag von Waren mit den Anastrinen und Corern. Trotz eines eigenen Anbaus von Nahrungsmitteln an sonnigen Berghängen ist das Zwergenreich zumindest langfristig von der Lieferung von Naturalien von außen angewiesen. Im Tausch dafür liefern die Zwerge alle Arten von Werkzeugen, Rüstungen und Waffen, deren Fertigung neben dem Bergbau, der Steinmetzkunst und der Edelsteinschleiferei den traditionellen Zwergenberuf darstellt. Gerade der Handel mit den den Zwergen in ihrem Freiheitsdrang sehr sympathischen rebellischen Ostcorern, die die Annektion ihres Landes durch das Anastrinische Reich bekämpfen, dürfte schon bald zu ernsten diplomatischen Konflikten mit dem Anastrinischen Reich führen.

Das Leben eines Zwerges wird bestimmt durch seine Abstammung und die persönliche Ehre. ein jeder Zwerg, und sei er auch noch so unbedeutend, ist in der Lage, die Linie seiner männlichen Vorfahren mindestens 25 Generationen weit zurückzuverfolgen und entsprechende Informationen, überliefert in Form alter Epen und Heldenlieder, über Stunden oder Tage hinweg zu rezitieren. Ähnlich absolut ist der Anspruch eines Zwerges auf ehrenhaftes Verhalten. Das Wort eines Zwerges ist absolut verbindlich, wenn auch Menschen, die mit Gni´uriz Handel trieben, oft merken mußten, daß sich zwergische abmachungen stets nur auf den unmittelbaren Wortsinn bezogen. Sollte ein Zwerg jedoch einaml in die Lage kommen, sein Wort zu brechen (und sei der Verstoß auch noch so unbedeutend), zwingt ihn sein Gewissen seine Heimat zu verlassen und den heldenhaften Tod im Kampf zu suchen. Denn noch wichtiger als das Leben eines Mannes ist in den Augen der Zwerge die Art, auf die er stirbt.

Mehr aber noch als die zwergischen Konzepte von Tradition und Ehre erscheint ihre Art des Zusammenlebens von Mann und Frau anderen Völkern als fremdartig. Das Zwergenreich von Gni´uriz stellt nicht nur ein absolutes Patriarchat dar, bei den Zwergen kommt auf 20 männliche lediglich eine weibliche Geburt. Um den Fortbestand ihrer Art zu sichern, zwingen die Zwerge ihre Frauen deshalb zu einem Leben in absoluter Zurückgezogenheit (und damit Sicherheit) und »frivole« Faktoren wie Zuneigung oder gar Liebe haben in ihrer Art der Partnerwahl keinen Platz. So erfolgt die Heirat junger Leute allein auf Absprache der Sippenoberhäupter (oft schon lange vor der Geburt der unmittelbar Beteiligten), und den Frauen bleibt neben der Aufzucht der Kinder als einzige wichtige gesellschaftliche Funktion die Überlieferung der zwergischen Geschichte in Form von Liedern und Heldengedichten.

Im krassen Gegensatz zu ihrem sonstigen Traditionsbewußtsein kennen die Zwerge keine geschriebene Geschichte. Den Lauf der Zeit messen sie lediglich an den Lebensspannen ihrer Vorfahren und eine Datierung in der Art von »Es begab sich zu der Zeit, als Thorbak noch Gildenmeister der Schmiede war« ist historisch von wenig Bedeutung. Aber die Zwerge, die ihr Volk als genauso ewig ansehen wie die mächtigen Berge, haben keinen Bedarf an der Einordnung geschichtlicher Ereignisse in eine exakte Chronologie. Für ein Volk, das immer war, immer ist und immer sein wird, verliert die Zeit ihre Bedeutung, und lediglich die Erinnerung an die Taten der Vorfahren bleibt etwas, das es zu bewahren lohnt - und das in den alten Liedern bewahrt werden wird.

Neben der Geschichte (im Sinne menschlicher Geschichtsschreibung) fehlt den Zwergen auch die Religion. Merkwürdige Fragen wie die nach ihrer Herkunft, dem Sinn ihres Lebens oder einem Weiterleben nach dem Tode erschienen den Zwergen fremdartig, unnatürlich oder gar - neumodisch. Nach der Meinung der Zwerge kommt es daruaf an, im Sinne der Traditionen zu leben und gut zu sterben. Danach ist es der einzige Wunsch eines Zwerges, mit dem Fels in dem er bestattet wird, eins zu werden. Tatsächlich haben menschliche Abenteurer in alten, verlassenen Bergwerkschächten weitab von Gni´uriz im taltanischen Zentralmassiv mitunter die Figuren steinerner Zwerge gefunden, doch ob es sich dabei tatsächlich um petrifizierte Tote oder nur um erstaunlich lebensechte Skulpturen handelt, ist nicht bekannt.

Eins hingegen ist bekannt: Zwerge können die materielle Welt in keiner Weise verlassen, sei es durch »Dimensionstore«, als »Astralkörper« oder auch nur in ihrer Fantasie ... In dieser Verbundenheit mit der Wirklichkeit von Taltanis gleichen sie ihrem ewigen Widerpart, den Elfen. So erklärt sich auch ein altes Sprichwort der Gu: »Nur Zwerge und Elfen schlafen ohne Träume.«

Steffen Schütte


Dieser Artikel wurde ursprünglich in der ZauberZeit Nr. 35 von Sebtember 1992 veröffentlich.