TALTANIS
Eine wahrhaft nutzbringende Schilderung über die neuentdeckten Lande des geheimnisollen Erdteils Taltanis
verfaßt zur Belehrung und Warung der Reisenden - nicht minder erstaunlich als kurzweilig zu lesen
und jetzt zum ersten Male aufs Sorgfältigste herausgegeben.

Das Anastrinische Reich

»Wieviele Füße mögen wohl schon über diese Straßen gegangen sein? Wieviele Wagenräder rollten über diese harten Plaster ihrer Bestimmung entgegen? Es sind die Straßen, die das Reich machen, nicht das Reich die Straßen. Tag für Tag, Jahr für Jahr, Jahrhundert für Jahrhundert sind die Menschen auf ihnen unterwegs, ziehen von den hunderttausend Glocken Hafnoons zum wolkenverhüllten Maaw, welches ein einziger, gewaltiger Turm aus rotgerändertem Marmor ist. Imperiale Boten jagen auf ihnen dahin, in ihren Satteltaschen Nachrichten für die kaiserlichen Sommerresidenz am Meer, wo in gewundenen Kanälen unzählige phosphoriszierende Fische die lauen Nächte mit geisterhafterm Leuchten erfüllen. Die gläsernen Wagen des Volkes Tzai fahren auf den steinernen Rücken der Reichsstrßen vom stinkenden Taon mit seinen parfürmierten Patriziern, vorbei an dem an ein gewaltiges Uhrwerk gemahnende Nyktria bis hin zu den Häfen von Iapurin, wo die anastrinische Armada in den riesigen Kristallhöhlen der Steilküste vor Anker liegt. Ein jeder Weg aber führt die Reisenden letztendlich nach Quarnizaar, Hauptstadt, Mutter des Reiches und Herrin der Kreuzwege, erbaut auf mächtigen Pfeilern aus Obsidian, damit die erhabenden Mitglieder des Kaiserhauses nicht vom Anblick des bloßen Erdbodens beleidigt werden. Aber selbst, wenn eines fernen Tages das Herz des Reiches verheert und der Name Anastrians ausgelöscht sein werden, wird es noch immer die Straßen geben, die das heimelige Herdfeuer eines jeden Abenteurers mit dem Horizont verbinden.«

Koltar Iwanian, Kaiserlicher Baumeister, 1024-1081 Anastrinischer Zählung.

Von der Gründung
des Imperiums ...

Vor vielen, vielen Jahren, zu einer Zeit, als die Insel Shorm noch nicht von Menschen besiedelt war, existierten in dem weiten Gebiet diesseits der westlichen Steppen und dem großen Wald von Astraava mehr als ein halbes Hundert miteinander verfeindeter Königreiche und Fürstentümer. Einer dieser Kleinstaaten war das Flußreich von Quarniz an den Ufern des mächtigen Onin-Stromes, ein Land, das sich auf den ersten Blick in nichts von seinen ebenso einfälltigen wie streitsüchtigen Nachbarn unterschied. Und doch war Quarniz jungem Fürsten bestimmt, das größte Reich in der Geschichte des nordöstlichen Taltanis zu begründen. Von der Statur her eher schwächlich und an Fallsucht leidend, war sein Geist erfüllt vom Verlangen nach Macht und Größe. Und obwohl ständig zwischen Größenwahn und tiefer Melancholie schwankend, erwies sich der junge Fürst als militärisches Genie. In nur fünf Jahren gelang es ihm, das von ihm beherrschte Gebiet um das zehnfache zu vergrößern, woraufhin er sich in einer pompösen Zeremonie selbst als Anastrian I. die Kaiserkrone aufs Haupt setzte. Jenes Jahr gilt als das erste der Anastrinischen Zählung. In den folgenden 500 Jahren wurde das Anastrinische Reich die mächtigste Militärmacht des Ostens, seine unbezwingbaren Legionen unterwarfen sämltliche Nachbarstaaten, befreiten das Land von marodierenden Orks und begannen mit der Besiedlung der nur von wenigen Tausend Elfen, Zwergen und Halblingen bewohnten Insel Shorm.
Doch so wie Menschen im Laufe ihres Lebens eine Reihe von entwicklungsphasen durchmachen, so verläuft auch die Geschichte von Imperien in fast gesetzmäßigen Abläufen. Der ungestümen Jugend folgt eine Phase der Reife und Konsolidierung, aber auch der zunehmenden Introvertiertheit und Selbstüberschätzung. Danach kommen Dekedanz, Senilität und schließlich - der Tod. Als sich die »Rebellen« der Insel Shorm im 8. Jahrhundert für unabhängig erklärten und das Königreich Ommei ausriefen, war ein von Korruption durchsetztes, von internen Machtkämpfen und Bürgerkriegen zerrissenes Imperium nicht mehr in der Lage, die Sezession der abtrünnigen Kolonie zu verhindern. Doch trotz allem blieb das Anastrinische Reich eine Großmacht. Als 1400 Jahre nach der Reichsgründung eine zunehmende Zahl von Überfällen der Reiternomaden der Burgash-Köl eine Sicherung der Westgernzen notwendig machte, erwies sich die VI. Anastrinische Legion als durchaus in der Lage, einen Großteil des von einem etwas hinterwäldlerischen Fischervolk bewohnten Landes Corlu zu besetzen und zu einem Pufferstaat gegen die anstürmenden Barbarenhorden umzuwandeln. Und obwohl Laster und Ausschweifungen heute, im 1555 Jahr A.Z. ein kaum für möglich gehaltenes Ausmaß erreicht haben, ist das Imperium vielleicht ein sterbender, aber beileibe noch kein zahnloser Löwe.


Die Völker
des Imperiums

Im Laufe seiner langen Geschichte hast sich das Imperium dutzende kleiner und kleinster Staaten einverleibt, teil durch den Mut seiner Legionen, teils durch geschickte Diplomatie. Aus dieser halben Hundertschaft von Völkern und Kulturen ein einheitliches Reich zu formen war die größte Aufghabe der frühen Kaiser; und das Fortbestehen des Imperiums zeigt, wie gut die damaligen Herrscher diese Aufgabe zu lösen verstanden. Schon bald gaben sie es auf, den unterworfenen Völkern ihre Religion und Moral aufzwingen zu wollen. Solange die Steuern bezahlt wurden, durfte ein jeder mach seiner Facon selig werden. Recht zwanglos wurden die ehedem soveränen Länder so zu den Provinzen eines Vielvölkerstaates, regiert von den kooperativsten Mitgliedern der einstigen Oberschicht sowie einem Prävekten oder - im Falle von Grenzmarken - Statthaltern mit weitreichenden Befugnissen.
Als dann Handwerk und Künste im Zentrum des Reiches aufblühten, wurde die anastrinische Lebensart ganz von allein zu einem erstrebenswerten Gut für alle Völker des Imperiums. Die größte Angleichung zwischen den vielfältigen Kulturen findet man auf dem flachen Land. Das gesamte landwirtschaftlich nutzbare Gebiet des Reiches ist überzogen von den ausgedehnten Landgütern des Adels, der Patrizier oder verdienter Veteranen der Legionen. Und in prachtvollen Villen sucht manch ehemaliger Präfekt oder illustrer Senator Schutz von den Intrigen oder der zunehmenden Dekadenz der »zivilisierten« Gebiete.

Es sind demgegenüber die Städte, steingewordene Zeugen der Geschichte, welche die Verschiedenheit der anastrinischen Volksgruppen am deutlichsten bewahrt haben. Natürlich sind die meisten Städte wohlhabend, viele sogar reich, und alle bieten dem zahlungskräftigen Bürger - oder Reisenden - mit ihren Amphitheatern, Arenen und Thermen jeden nur erdenklichen Luxus. Doch ihrer unterschiedlichen erbauer wegen ist jede der anastrinischen Metropolen für sich genommen einzigartig.
Die Architektur Hafnoons beispielsweise ist sowohl klassisch als auch verspielt. Ein jedes Gebäude ist in unzählige Anbauten und Türme zergliedert, die über Brücken oder mittels geschwungener Treppen miteinander verbunden sind; und da selbst das unscheinbarste Erkertürmchen eine Glocke oder gar ein Glockenspiel beherbergt, ist der Himmel über Hafnoon beständig erfüllt vom melodischem Geläut.
In Taon leben die Bürger hingegen im unerträglichen Gestank vulkanischer Quellen, welche die Kaufleute mit wichtigen Mineralien für die Färber- und Gerberei-Industrie versorgen. Die ständige Verwendung von Parfüm wurde den Taonesen deshalb zur zweiten Natur, und ihr Einsatz der verschiedenen Duftwässer entwickelte sich alsbald zu einer ganz eigenen Sprache, in der sich Respekt, Zuneigung aber auch tödliche Beleidigung ausdrücken läßt. Es sind Fälle bekannt, in denen man sich in Taons Gassen alleine deshalb auf Leben und Tod duellierte, weil die Düfte der Kontrahenten nicht miteinander harmonisierten.
Das Kernvolk des Anastrinischen Reiches schließlich, die Rulaaren, ist das Wohnen eher über- als nebeneinander gewohnt. Die Prachtbauten der Hafenstadt Iapurin kleben wie Vogelnester an der gleichnamigen Steilküste. Leitern bzw. von Sklaven betriebende »Aufzüge« ersetzen hier die Straßen, und wagemutige junge Leute stürzen sich im selbstmörderischen Wettbewerb mit irrwitzigen, an Vogelschwingen oder Fledermausflügel gemahnenden Konstrukten in die Tiefe, um im warmen Aufwind der Klippen drachengleich zu segeln.
Und die Reichshauptstadt Quarzinaar wurde an einem steil abfallenden Flußufer errichtet. Unzählige Stützpfeiler tragen ihre terassenartig angelegten Paläste, Straßen und Plätze. Unterhalb der Stadt fühlt man sich dagegen wie in einer gigantischen Säulenhalle - allerdings in einer Halle des Schmutzes und Verderbens. an die obsidianen Stützpfeiler der Patriziervillen schmiegen sich wacklige Holzkunstruktionen, in denen der »gemeine Pöbel« wie Diebe und Bettler haust, und primitive Hängebrücken und Schwungseile verbinden diese schmierigen Domiziele.

Doch sowohl alle Städte verschieden sind, haben sich ihre Bewohner dennoch dem Reichsstandart angepaßt. In den heroischen Gründertagen zeigten sie geschäftstüchtigen Pioniergeist. Als Kunst und Architektur ihre Blütezeit hatten, waren sie kunstsinnig, und heute, wo unter der Tünche von Zivilisiertheit und feiner Lebensart Zerfall und Laster mehr und mehr um sich greifen, sind die Einwohner der Patrizierstädte ein bißchen aufständisch und ein bißchen dekadent.
Ein Volk allerdings gibt es, das sich der anastrinischen Norm immer verweigert hat. Es ist das Volk der Tzai, dessen Gebiet vor nunmehr elfhundert Jahren wie das so vieler anderer Länder vom Imperium geschluckt wurde. Allerdings wurden die Tzai nie in der Schlacht besiegt. Als die anastrinischen Legionen eines nebligen Herbstmondes in das Gebiet dieses Volkes einrückten, fanden sie nur vollkommen verlassene Städte und Dörfer vor, und - so überliefern es die Legenden - auch diese Ortschaften sollen im Laufe weniger Tage zusammen mit dem sich auflösenden Nebel auf wundersame Weise verschwunden sein. Seit jener Zeit aber fährt ein Geschlecht von Gauklern und Komödianten in gläsernen Wagen durch die Lande, um die braven Stadtbewohner mit Kunststücken und Possen zu unterhalten, und dessen Angehörige - nach ihrer Heimat befragt - stets nur lächelnd antworten, ihre Heimat in ihren Herzen zu tragen.
In all den Jahrhunderten hat sich die Herrschaftsstruktur der Tzai bis auf den heutigen Tag bewahrt: Ein jeder ihrer Sippenchefs ist zugleich Sproß eines alten Adelsgeschlechts, und es gibt einen geheimen »König« des Fahrenden Volkes, den man »i-Tschorih« oder »Prinz des nie-besetzten Landes« nennt. Mit wachem Blick für den zunehmenden Verfall von sitten und Machtstrukturen befahren die Tzai die geplasterten Reichsstraßen. Sie haben nicht mehr das Ziel, sich am Anastrinischen Reich zu rächen - sie werden es nur ganz einfach überleben.


Im Herzen
des Reiches

Eineinhalb Jahrtausende nach seiner Gründung ist das Anastrinische Reich ein Imperium in der Abenddämmerung, zusammengehalten nur noch durch die ebenso allgegenwärtige wie korruote kaiserliche Bürokratie sowie die Kampfkraft seiner Legionen. Deren Generäle zählen zu den mächtigsten Männern im Staate, denn wer auch immer die Hauptstadt unter seiner Kontrolle bringen oder gar den Marionetten-Senat Quarzinaars gefangenzusetzen vermag, kann bestimmen, wer den Kaiserthron besteigen darf. Doch nicht aller politischer Einfluß wird durch das Schwert des Kriegers ausgeübt.
Die mächtigste und gefährlichste Person des Reiches ist zweifelsohne die kaiserliche Mätresse Diokletia, die die einflußreichsten Heerführer zu ihren persönlichen Freunden - und Liebhabern - zählt und bereits dem vierten Herrscher in Folge zur Seite liegt. Seit nunmehr 30 Jahren lenkt diese, im Volksmund nur als »Hetäre in Purpur« verschrieende, noch immer schöne Frau Ende 40 mit Gift, Intrigen und hohem körperlichen Einsatz vom kaiserlichen Himmelbett aus die Geschicke eines Weltreiches. Auch der gegenwärtige Imperator, der erst siebzehnjährige und zumindest zur Hälfte wahnsinnige Kaiser Lysterian ist ihr Geschöpf. Triebbeherrscht, in pupertären Allmachtsphantasien schwelgend und von einer Orgie zur nächsten eilend, wäre der Knabe auf dem Opalthron der letzte, der sich in so etwas Langweiliges wie Staatsgeschäfte einmischen würde. Zumindest, solange ihn die von Diokletia besorgten Spielgefährtinnen und -gefährten beschäftigt halten - und solange die langsam in die Jahre kommende Mätresse ihre Schönheit und Ausstrhlung nicht verliert.
Der Anastrinische Hof ist eine Schlangengrube von Mord, Intrige und Verrat. Gefahr lauert hinter jedem maliziösen Lächeln, Freund und Feind sind praktisch ununterscheidbar, und die Form der Auseinandersetzungen ist nicht der ehrliche Zweikampf, sondern ein vergifteter Weinkelch oder ein tückischer Dolch in der Nacht. Und wer hier asl Protegé eines Generals, mächtigen Handelhauses, einflußreichen adligen oder gar der »großen Hure« selbst überleben möchte, bedarf einer ganz anderen Art der »physischen Präsenz« als auf der Jagd oder im Kampf.


Tanz auf
dem Vulkan

Mag auch das Imperium im Innersten verrotet, die Reichsidee längst zu einem Unterdrückungsintrument renitenter Provinzen des Vielvölkerstaates verkommen sein, so lebt es sich für die Vollbürger des Reiches doch nicht schlecht im Schatten des Verfalls.
Die schwere Arbeit auf den ausgdehnten Landgütern der Adligen und Patrizier wird von Leibeigenden oder importierten Sklaven geleistet, nicht zu reden von den Sträflingen, die sich auf den kaiserlichen Galeeren oder in den Braunkohlegruben von Parsium langsam zu Tode schuften. Auch in den großen Städten gibt es Haussklaven, doch diese dienen ehr den kapriziöseren Bedürfnissen ihrer Herren, denn die niedrigen Dienste werden vom nahezu rechtlosen »Pöbel« erledigt, den die kaiserliche Privatschatulle mit »Brot und Spielen« bei Laune zu halten sucht.
Die Oberschicht des Anastrinischen Reiches hat hingegen den dekadenten Niedergang zu einer eigenen Kunstform entwickelt. Orgiastische Gelage und blutige Gladiatorenkämpfe gehören noch zu den eher konventionellen Formen der Freizeitgestaltung. Modische Narrheiten werden zum Fetisch, wo Männer und Frauen auf nackter Haut bunte Käfer und Spinnen, auf deren Chitinpanzern mit Wachs kostbare Edelsteine befestigt wurden, als lebenden Schmuck tragen.
Das Amt des Scharfrichters wird in der Hauptstadt Quarnizaar alljährlich in einer öffentlichen Auktion an den Meistbietenden versteigert. Und in den palastartigen Bordellen bieten gierige Kupplerinnen jede Art der fleischlichen Unzucht feil, immer betrebt, ihrer Kundschaft stets noch einen stärkeren, noch einen exotischeren Reiz zu bieten, um deren abgestumpfte Sinne aufs äußerste anzustacheln. Es ist kein Wunder, daß in solch einer Umgebeung Unschuld und Scham Höchstpreise erzielen. Eine der mächtigsten Gruppen in desem verwilderten Garten der absonderlichen Gelüste ist die Gilde der Lustknaben, deren meist noch jugendlichen Mitglieder ihre Fähigkeiten nicht nur zum Wohle ihrer Brotherren einsetzen, sondern auch zu Diebstahl, Spionage und Erpressung.
Doch nicht jedem ist die gewöhnliche Fleischeslust Kitzel der Sinne genug. Seit langem sind die alten Götter vergessen, und neue Modereligionen haben ihren Platz eingenommen. In den offenen und geheimen Tempeln der großen Metropolen sind obzöne Riten und Tempelprostitution längst schon an der Tagesordnung. Sinnverzehrende Rauschmittel und schwarze Magie dienen verdorbenen Priestern zur Beherrschung ihrer Gemeinden, und hinter vorgehaltener Hand munkelt man sogar von Menschenopfern. Doch derartige Exzesse sind - noch - in der Minderheit.
Natürlich sind nicht alle Angehörigen der anastrinischen Oberschicht Prasser oder Lüstlinge, Götzendiener oder Päderasten; doch ein Hang zum Laster ist allgegenwärtig, und die Sucht nach einer immer umfassenderen Befriedigung der Sinne verdrängt mehr und mehr alle anderen Lebensinhalte. Eine Gegenbewegung zu dieser Entwicklung des allgemeinen Wertverfalls stellt due geheime - und verbotene - Sekte der »Cleoner« dar, die besonders in Kreisen des Militärs über starken Rückhalt verfügt. Ihre Mitglieder streiten für eine Rückkehr zu Sitte, Anstand und den alten Reichsidealen. Doch in ihrem blinden Wüten gegen Dekadenz und Ausschweifung sind sie für das Imperium in ihrer Art genauso gefährlich wie ein nur nach Lust und Abwechslung gierender Imperator.


Von hoher Kunst
Eineinhalb Jahrtausende Reichsgeschichte, das sind auch eineinhalb Jahrtausende ununterbrochenen Suchens nach den Urgründen des arkanen Mysteriums. Im Laufe der langen Jahrhunderte hast sich die anastrinsche Magie zu einer Extremwissenschaft entwicklet, die sich mit der bloßen Manipulation der natürlichen zauberischen Kraftströme längst nicht mehr zufrieden gibt. Grundkenntnissse in den Wissenschaften der Optik und Mechanik sind für den Absolventen der berühmten Magierakademien von Nyktria genauso selbstverständlich wie die Beherrschung von Thaumaturgie und Nekromantik.
In grotesken Kesseln, stählenen Kolben und monströsen Maschinen versuchen die Zauberer der dampfenden Stadt das sogenannte »Flux«, das arkane Fluidum selbst einzufangen, es zu komprimieren, zu expandieren und umzuwandeln, um so letztlich die Grundlagen von Natur und Realität direkt kontrollieren zu können. Das Laboratorium eines anastrinischen Nagiers hat deshalb nur wenig mit der okkulten Studierstube etwas eines shormer Kollegen gemein. Hier riecht es eher nach Schmieröl als nach Weihrauch. Wo man ausgestopfte Eulen ider in Spiritus eingelegt Reptilien erwarten würde, stampfen Pleulstangen, Zahnräder greifen ineinander, und zwischen schwebenden Kristallkugeln zucken gleißende Lichtbögen konzentrierten Phlogistons. Einander gegenüber aufgestellte Silberspiegel reflektieren das wabernde Unlicht einer schwarzen Kerze ad finitum, um so das Gefüge von Ursache und Wirkung, Vorher und Nachher zu zerreißen. Und in gläsernen Aquarien liefern Zitterrochen die nötige Energie, um im Fokus eines Oktagons aus nach geheimen Anweisungen geschliffenen Juweklen jenes widernatürliche Kraftfeld zu erzeugen, in dem die unheilige Kreuzung von Mensch und Tier möglich wird. Dem Vernehmen nach sind die nyktrischen Nächte erfüllt vom unheimlichen Geheul der bizarresten Mischwesen, die ihre Existenz der achten Todsünde verdanken - dem ungebändigten Wissensdurst.


Anastrinische
Abenteuer

Mit geschäftsmäßiger Routine tötende Gladiatoren, in allen Künsten der Wolllust erfahrene Hetären, mit geheuchelter Unschuld kokettierende Lustknaben und ölverschmierte, maschinenbesessene Zauberer - das sind die Protagonisten abenteuerlicher Geschehnisse im Anastrinischen Reich. Ihnen gegenüber stehen vom Ruhm vergangener Jahrhunderte verblendete Legionäre oder provinzielle Simpel, die geradezu danach schreien, vom Moloch der sündigen Städte verschlungen zu werden.
Manch ein wackerer ausländischer Held war zutiefst geschmeichelt über die Einladung zu einer adligen Jagdgesellschaft - bis er erkennen mußte, daß er nur als Beute der ligurischen Bluthunde vorgesehen war. Und wer als Geliebter einer einflußreichen Persönlichkeit sein Glück gar am anastrinischen Hof versuchen möchte, wird sich schon bald in ein schier unentwirrbares Netz aus Intrigen verstrickt sehen. Vielleicht gilt es, im Auftrag der ersten kaiserlichen Mätresse eine hübsche, fremde Prinzessin aus dem Weg zu räumen, an der der junge Imperator mehr als nur oberflächliches Interesse zu entwickeln beginnt. Und für ein Elixier ewiger Jugend würde Diokletia mehr als nur ein Dutzend Morde begehen - oder hat es gar schon getan.


Am Rande
der Finsternis

Ausländischen Beobachtern erscheint das Anastrinsiche Reich oft lediglich als ekelerregender Sündenpfuhl, Hort der Amoral und anschreckendes Beispiel menschlicher Verderbtheit. Doch in seinen Grenzen leben die Menschen seit beinahe einem Jahrtausend - von einigen kleinen Querelen abgesehen - in Frieden und Wohlstand. Natürlich fordern Ausschweifungen und Exzesse viele unschuldige Opfer. Doch wieviele junge Menschen gehen anderswo an Hunger oder in Kriegen zugrunde? Und ist das Bett dem Schlachtfeld nicht vorzuziehen? Die meisten seiner Einwohner sind jedenfalls stolz darauf Bürger des Reiches zu sein.
Wenn sich das Imperium auch heute, nach mehr als 1.500 Jahren seiner Geschichte auf einer langsamen Reise in die Nacht befindet, hat es Kunst und Architektur, Handwerk und Medizin doch in unendlichem Maße bereichert. Noch in einer Zeit, in der Laster längst der Vergessenheit anheim gefallen sein werden, wird es noch immer den anastrinischen Rundbogen geben, die Technik der Tonglasur, die Methode, Obstbäume zu propfen, oder die Kunst des Weinbaus. Und selbst dann noch werden Menschen unterwegs sein auf den ewigen Straßen des Reiches.

Steffen Schütte

»Was hoch gestiegen ist, fällt nicht
nur tief, sondern auch lange.«
Sprichwort der Gu


Dieser Artikel wurde ursprünglich in der ZauberZeit Nr. 27 von Februar 1991 veröffentlich.